Vom Trainingslager auf die Straße. So beschreibt Peer Steinbrück den aktuellen Status der SPD. Die Botschaft: Geübt haben wir genug. Jetzt geht es auf den Platz. Das Spiel beginnt. Die SPD will in Bewegung kommen. Glaubt man den aktuellen Umfragen, dann muss sie das auch. In Bewegung ist zurzeit wenig. Wenn wundert es. Deutschland macht Urlaub und denkt privat statt politisch. Vor diesem Hintergrund wirkt der Wahlkampfstart der Sozialdemokratie wie ein Kampf gegen die Windmühlen des Wohlfühlklimas in Deutschland. Drei Bemerkungen zum aktuellen Start der SPD-Kampagne seien an dieser Stelle geäußert:

Das Wir gewinnt? 

Peer Steinbrück wird viel durchs Land reisen. Über 100 Auftritte sind geplant. Auf den Plakaten der SPD ist sein Gesicht allerdings nicht zu sehen. Mit scharfer Zunge könnte man sagen:

„Passt zur Botschaft. Das Wir gewinnt, nicht Peer Steinbrück.“

Dabei ist zu konstatieren: Mit ihrem Slogan „Das Wir gewinnt“ hat die SPD sicher den richtigen Ton getroffen. Die Sozialdemokraten wollen für ein solidarisches Deutschland kämpfen – aus der Mitte der Gesellschaft. Das ist Zeitgeist. Und so ist auch der Wahlkampf angelegt worden – mit viel Dialog, Nähe zum Bürger, von Haus zu Haus. Allein: Man will der SPD es nicht ganz abnehmen, dass sie ganz nah bei uns und unseren Problemen ist – ja, dass sie eine Volksbewegung für ein neues Wir verkörpert. Der Wahlkampf wirkt bei der SPD – wie übrigens auch bei der Mehrzahl der anderen Parteien – komisch hölzern. Er erscheint mehr Agentur als Straße zu sein. Irgendetwas passt (noch) nicht zusammen.

Attacke ja – nur wie? 

Die SPD versucht mit ihren Botschaften auf Angriff zu schalten. Man mag ihnen zurufen: Lieber spät als nie. Polarisiert wird allerdings mit einem Mix aus positiven „Wir sind für…“-Plakaten und persönlichen Angriffen auf Merkel und die Regierung. Das kann gelingen, muss aber nicht. Wie schon in diesem Blog erwähnt: Die Kernfrage aus Sicht des Bürgers scheint die SPD noch nicht explizit genug zu beantworten. Sie heißt schlicht und einfach:

„Warum wechseln?“

Deshalb wäre den Sozialdemokraten zu raten, einen noch klareren Kontrastwahlkampf zu fahren, der die konträren Themen der Parteien in den Mittelpunkt stellt und sie möglichst pointiert und in Schwarz-Weiß-Logik  gegenüberstellt. Beispiele wären:

„3-Klassen-Medizin oder Bürgerversicherung?“, „Aufstocker oder Mindestlohn?“, „Kitas oder Betreuungsgeld?“

Wunderwaffe Basiswahlkampf?

Klar ist: Wahlkämpfe können heute mit Dialog bewegt, wenn nicht gar entschieden werden. In der Aufmerksamkeitsökonomie stoßen Hochglanz-PR-Spins deutlich an ihre Grenzen. Kampagnen sind heute Kämpfe um Köpfe – mit direkter Kommunikation, on- und offline. Die entscheidende Frage ist allerdings nicht mehr, wie ich ins Gespräch mit Menschen komme. Methoden gibt es  genug. Viel wichtiger die Frage: Wie finde ich überhaupt gesprächsbereite Menschen, die mir tatsächlich zugeneigt sind? Die Wahlkampf-Profis  in der SPD wissen das besser als noch vor vier Jahren. Aber: Hat die SPD ein effektives Targeting – auf Straßenzug-Ebene in Deutschland sehr wohl möglich – und eine fokussierte Mobilisierung mit einer klugen Mehr-Kontakt-Strategie? Oder verkämpft sie sich an Deutschlands Haustüren, weil sie mit Menschen redet, die ihr gar nicht zuhören wollen?

Fragen über Fragen. Am 22. September werden wir mehr wissen. Dann wird das Spiel endgültig abgepfiffen.

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Dr. Maik Bohne

Dr. Maik Bohne

Maik Bohne ist promovierter Politikwissenschaftler. Seit Jahren beobachtet er internationale Wahlkampftrends. Als Projektleiter für die Initiative ProDialog befasste sich Maik Bohne mit dem Transfer US-amerikanischer Wahlkampfmethoden nach Deutschland. Aus dieser Arbeit resultierte das Buch: „Von der Botschaft zur Bewegung. Die 10 Erfolgsstrategien des Barack Obama.“ Seit Juli 2010 ist Maik Bohne bei der IFOK in den Bereichen Open Governance und Digitale Kommunikation tätig. Auf wahl.de wird er seinen Blick auf die Dialog- und Beteiligungsstrategien der Parteien richten.