Nate Silver // Bildnachweis: Esty Stein (Personal Democracy Forum)

(Fotonachweis: Esty Stein // Personal Democracy Forum)

Think Bigger?

Anfang Juni fand in den Räumen der New York University in Manhattan unter dem Motto „Think Bigger“ wieder das Personal Democracy Forum (kurz: PDF) statt. Bereits zum zehnten Mal kamen Polit-Aktivisten und digitale Vordenker zum vielleicht wichtigsten Event rund um Open Government und digitale Politik. Angetreten waren unter anderem Statistik-Guru Nate Silver, Beth Noveck (vormals Chief Technology Officer in der ersten Obama-Administration), Ethan Zuckerman vom MIT Center for Civic Media, der Bestsellerautor Seth Godin oder auch #aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek, um unter anderem über Big Data, neue Tools, Online-Voting, politische Wahlkampagnen und besseres Regieren via digitaler Tools zu diskutieren.

Microtargeting und Fundraising: Big Data im US-Wahlkampf

Momentan ist Big Data in den USA auch mit Hinblick auf politische Kampagnen eines der größten Buzzwords – und auch beim PDF ging es immer wieder um Daten, Daten, Daten. In der Analyse der Wahl waren sich so ziemlich alle Medien und Kommentatoren einig, dass Obama seinen Wahlsieg vor allem auch Harper Reed und seiner Big Data-Zauberei zu verdanken habe. Und auch in Deutschland waren sich die meisten einig – ob Roland Tichy oder Richard Gutjahr -, dass die Big Data-Maschine Obama seine zweite Amtszeit maßgeblich beschert habe. Aber stimmt das auch? Beim PDF hingegen sagte Jeremy Bird, der 2012 immerhin National Field Director der Obama-Kampagne war, dass nicht Big Data die Wahl für Obama gewonnen hat, sondern Menschen: die (oftmals unbezahlten) Kampagnenmitarbeiter und die an jede Haustür klopfenden Freiwilligen.

Die Wahrheit liegt wohl irgendwie in der Mitte. Ohne die Aktivisten, die in den entscheidenden Tagen und Wochen das Ground Game für Obama entschieden und Unzählige zum Gang an die Wahlurne animierten, wären auch die Millionen Datensätze nutzlos. Denn während Harper Reed 2008 noch manuell Datensätze in Excel-Sheets eingetragen hatte, wurden die Abermillionen Datensätze 2012 in einer einzigen riesigen Datenbank gesammelt und so miteinander verknüpft, dass detaillierte Wählerprofile erstellt werden konnten. Auf der anderen Seite waren diese Datensätze also unersetzlich, denn nur so konnten die Freiwilligen gezielt die richtigen Wähler direkt ansprechen.

Zudem sind amerikanische Präsidentschaftswahlkämpfe teuer. Sehr teuer. Obama brach 2012 alle Rekorde beim Spendensammeln, wobei er wie 2008 vor allem auf Kleinspenden setzte, die durch gezieltes Microtargeting auf die Konten seiner Kampagne fließen sollten. Insgesamt konnten Obama und sein Team durch Online-Fundraising 690 Millionen Dollar einnehmen. Die beiden wichtigsten Hilfsmittel beim Kampf um die Dollars? Big Data und Millionen von E-Mails.

Und Deutschland?

Auch wenn die deutschen Parteien den Wahlkampf in den USA genauestens verfolgt haben und das ein oder andere Element übernehmen werden: der durch Big Data befeuerte Wahlkampf mit umfassenden Wählerprofilen, die ein Quasi-Nanotargeting ermöglichen, wird nicht dazugehören. Denn den deutschen Parteien steht natürlich nur ein Bruchteil der Daten zur Verfügung, die den beiden amerikanischen Parteien zur Verfügung standen.

Andrea Nahles hatte sich bei der Beobachtung des Obama-Wahlkampfs anscheinend vor allem in den Haustürwahlkampf verguckt. Und diesen direkten Wahlkampf von Tür zu Tür will die SPD nun ja auch in Deutschland durchführen. Dafür hat die SPD auch schon eine Plattform gebaut, auf der sich  die mittlerweile schon mehr als 10.000 registrierten Freiwilligen organisieren und vernetzen können. Jedoch werden diese dann anschließend nicht mit der Steinbrück-App auf dem iPad durch Kreuzberg ziehen und schon vor dem Klingeln an der Haustür wissen, welche Partei der potentielle Wähler bei der letzten Bundestagswahl gewählt hat (na gut, rein statistisch wird es nicht die FDP gewesen sein), welchen Fußballverein er unterstützt („FC St. Pauli? Was, die Bayern? Moment, die sind zwar auch irgendwie rot, da bin ich aber nicht drauf vorbereitet…“), welche Biersorte bevorzugt wird (Astra? Tegernseer?) oder ob der leibhaftige Ströbele vor einem steht.

Denn in Deutschland ist der Datenschutz viel stärker verankert – rechtlich natürlich, aber auch im Bewusstsein der Bundesbürger und auch in der politischen Kultur (auch wenn sich das bei jüngeren Generationen grade ändern mag). Personenbezogene Daten können nicht einfach so gekauft und miteinander verknüpft werden, um Wählerprofile zu erstellen – und ohne diese kann die Effektivität und das genaue Microtargeting, das wir im US-Wahlkampf beobachten konnten, nicht erreicht werden.

Zwar bieten soziale Netzwerke wie Facebook auch den Parteien im Wahlkampf die Möglichkeit, ein gewisses Level mit Blick auf das Microtargeting zu erreichen und Online-Werbung zu schalten, die nur bestimmte Zielgruppen anspricht. Die Datenbanken von CDU, SPD, GRÜNE und Co. sehen im Vergleich zu den Datenbanken der Demokraten und Republikaner jedoch trotzdem aus wie eine Konsum-Kaufhalle neben einem Wal-Mart: ziemlich leer. Der Big Data-Wahlkampf in Deutschland wird also noch auf sich warten müssen.

Doch vielleicht wird es ja auch in den USA bald ein Umdenken geben. Denn mitten in das PDF platzte die Nachricht vom PRISM-Programm der NSA. Während es im letzten Präsidentschaftswahlkampf kaum eine Debatte darüber gab, was die Datensammelwut im Wahlkampf anging, äußerten sich einige der Panelisten beim PDF sehr kritisch über PRISM. Ich bin gespannt, was nächstes Jahr beim #pdf14 über Big Data erzählt wird.

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Adrian Rosenthal

Adrian Rosenthal

Head of Digital & Social Media bei MSLGroup Germany
Adrian Rosenthal ist Head of Digital and Social Media bei der PR-Agentur MSL Germany und war dieses Jahr zum ersten Mal beim Personal Democracy Forum. Er bloggt seit 2008 auf amerikawaehlt.de über US-Wahlkämpfe und Online-Campaigning.