Nach der Wahl ist vor der Wahl? Die neuen Landtage und Social Media
Das Superwahljahr 2011 ist im vollen Gange. Knapp die Hälfte der diesjährigen Wahlen liegt hinter uns. Vor ca. einem Monat haben Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg gewählt. Die Ergebnisse: Verschieden und doch irgendwie überraschend - jedes auf seine eigene Art und Weise.
Genauso spannend wie interessant sind auch die Ergebnisse unserer Recherche, die die Präsenz der neuen Abgeordneten auf Social Media Plattformen, vor allem auf Facebook und Twitter, und die Fan- sowie Followerbilanzen der Spitzenkandidaten im Fokus hatte. Die Online-Wahlkampfstrategien sowie -durchführungen haben wir ja bereits in unserem Blog diskutiert (Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg). Doch ist nach der Wahl auch vor der Wahl? Und wie viele der neuen Abgeordneten aus den drei Bundesländern sind eigentlich in Sozialen Netzwerken vertreten?
Wir haben uns diese Fragen gestellt und Antworten gefunden, die interessanter nicht sein könnten, spiegeln sie doch teilweise sogar das wider, was wir in unseren Beobachtungen zum Online-Wahlkampf allgemein in den drei Bundesländern bereits festgestellt haben.
Sachsen-Anhalt
Der Magdeburger Landtag wurde am 20. März 2011 gewählt. Dem Online-Wahlkampf in Sachsen-Anhalt fehlte es an Kreativität und Aktivität, wie wir in unserem Blog-Artikel dazu bereits bemerkt hatten. Und wie sieht es jetzt, also nach der Wahl, aus?
Wenig verwunderlich ist es deshalb, dass noch immer 46% der neu gewählten Abgeordneten des Magdeburger Landtages auf überhaupt keiner Social Media-Plattform präsent sind. Dabei haben knapp mehr als die Hälfte bereits ein Facebook- und/oder Twitter-Profil. Dieser Wert bleibt jedoch ein extrem niedriger, wenn man sich die Bilanz der beiden anderen Bundesländer, in denen eine Woche später gewählt worden ist, zu Gemüte zieht (s. Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz).
Auch die Präsenz der sachsen-anhaltischen Spitzenkandidaten auf Social Media-Plattformen lässt stark zu wünschen übrig. Zwar sind die Spitzenkandidaten der vier Parteien, die in den Landtag eingezogen sind, alle auf sowohl Facebook als auch Twitter vertreten, doch die Fanzahlen halten sich stark in Grenzen. Einzig und allein Reiner Haseloff (CDU) mit 1461 und Jens Bullerjahn (SPD) mit 2639 Fans verfügen auf ihren Facebook-Fanpages über halbwegs aussagekräftige Fanzahlen. Diese Werte sind bezeichnend, wenn man bedenkt, dass die SPD hinter der CDU und der Linken nur drittstärkste Kraft in Sachsen-Anhalt geworden ist.
Mit Sicherheit kann man an dieser Stelle also behaupten, dass die Online-Aktivität der Politiker nicht ausschlaggebend für den Ausgang der Wahl war. Mit einer Ausnahme vielleicht: Veit Wolpert, der Spitzenkandidat der FDP, ist weder auf Twitter noch auf Facebook und nun auch nicht im Landtag präsent.
Die Notwendigkeit von Social Media-Plattformen für die politische Öffentlichkeitsarbeit scheint im Land der Frühaufsteher einfach noch nicht angelangt zu sein. Das macht auch ein Blick auf eine Bilanz deutlich, die die Präsenz der neuen Abgeordneten auf Twitter und Facebook gegliedert nach Parteien darstellt:
Bei der Hälfte der Abgeordneten aus CDU und SPD scheint zumindest Facebook eine gewisse Rolle in der politischen Arbeit zu spielen. Twitter wird von diesen Parteien jedoch fast überhaupt nicht genutzt. Die Grünen haben womöglich als Einzige begriffen, dass die Präsenz auf beiden Plattformen einen Mehrwert darstellt, denn auch die Linke hat an dieser Stelle extremen Nachhholbedarf. Die neuen Abgeordneten aus dieser Partei interessieren sich laut unserer Statistik am wenigsten für diese beiden geläufigsten Sozialen Netzwerke, auch wenn in ihren Reihen die meisten Twitterer aufzufinden sind, ist diese Bilanz für die zweitstärkste Partei in Sachsen-Anhalt doch eher dürftig.
Rheinland-Pfalz
Rheinland-Pfalz ist ein Land mit einer ganz besonderen Eigenart, was Soziale Netzwerke betrifft. Denn in keinem anderen Bundesland wird diese eine Plattform so groß geschrieben, wie hier: Wer kennt wen. Mehr als drei Viertel aller neu gewählten rheinland-pfälzischen Abgeordneten ist auf dieser Plattform mit einem Profil oder einer Gruppe vertreten.
Diese Dominanz vor allem auch Facebook und Twitter gegenüber wird vor allem in Hinblick auf alle Parteien, die es in den Mainzer Landtag geschafft haben, sichtbar:
Fast alle Abgeordneten aus CDU und SPD sind bei Wer kennt wen vertreten. Nur bei den Grünen dominiert Facebook, aber tatsächlich nur minimal. Was die allgemeine Präsenz auf Facebook betrifft, stehen aber alle neuen Landtagsabgeordneten nicht ganz so schlecht da, wie jene in Sachsen-Anhalt.
Denn insgesamt 59 Prozent sind entweder auf Facebook und/oder Twitter vertreten. Davon haben 58 Prozent einen Facebook-Account. Der hohe Prozentsatz an Nutzern von ausschließlich anderen Plattformen ist auf die bereits angesprochene Dominanz von Wer kennt wen in diesem Bundesland zurückzuführen. Nur 13 Prozent sind auf überhaupt keiner Social Media-Plattform vertreten - ein Wert, der verbesserungswürdig, aber auf jeden Fall ein positiver ist.
Die Facebook- und Twitter-Präsenz der Spitzenkandidaten der fünf stärksten Parteien bei der Wahl am 27. März 2011 spiegelt diesmal ansatzweise den Wahlausgang wieder. Einzig durch Julia Klöckner (CDU) liegt die Messlatte für Followerzahlen mit 13.232 Followern überdurchschnittlich hoch.
Auch wenn bei der Wahl also die SPD das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SPD und CDU doch knapp gewonnen hat, ist Julia Klöckner bei einer solchen Auswertung ihrem Hauptrivalen Kurt Beck meilenweit voraus. Interessant ist vor allen Dingen jedoch, dass alle Spitzenkandidaten, die in den rheinland-pfälzischen Landtag eingezogen sind, mehr Follower auf Twitter als Fans auf ihren Facebook-Fanpages hatten.
Die Spitzenkandidaten der Linken Robert Drumm und Tanja Krauth kommen in dieser BIlanz ähnlich weg, wie im Wahlergebnis. Auch FDP-Spitzenkandidat Herbert Mertin reiht sich mit seiner Facebook- und Twitter-Absenz in die Verliererliste nicht nur dieser Bilanz ein.
Baden-Württemberg
Der spannendste Wahlkampf im März 2011 hat bis zu seinem Ende die Spannungskurve gehalten und schlussendlich auch zu einem historischen Machtwechsel geführt. Interessant gestalteten sich auch die Auswertungen bezüglich der Social Media Präsenz der Abgeordneten in diesem Bundesland, die wir nach der Wahl erstellt haben:
Die Welt der Sozialen Netzwerke scheint bei den neuen Abgeordneten des Stuttgarter Landtages nämlich angekommen zu sein. Insgesamt 87 Prozent sind auf Social Media Plattformen präsent. Darüber hinaus haben 86 Prozent entweder einen Twitter und/oder einen Facebook-Account und sogar knapp ein Viertel der neuen MdLs sind auf beiden Plattformen vertreten. Nur 13 Prozent, also der gleiche Prozentsatz wie in Rheinland-Pfalz, hält sich gänzlich fern von der Social Media-Welt.
Klar dominant ist im baden-württembergischen Landtag jedoch eine der global bekanntesten Plattformen: Facebook. 85 Prozent aller neuen Abgeordneten haben entweder ein Facebook-Profil, eine Fanpage oder Gruppe. Twitter nutzen knapp ein Viertel der Abgeordneten. Eine Bilanz, die sich im Grunde genommen sehen lassen kann.
Auch eine Aufgliederung nach Parteien zeichnet ein erfreuliches Bild, was die Social Media- aber vor allem die Facebook-Präsenz der neuen MdLs betrifft. Bei den Grünen sind nur vier Abgeordnete nicht auf Facebook, bei der FDP zwei, bei CDU und SPD nur jeweils 7 bzw. 8. Das sind maximal 11,6 Prozent pro Partei, die kein Facebook-Profil haben. Twitter gilt im baden-württembergischen Landtag augenscheinlich nicht als primäre Social Media-Plattform. Hier ist die Präsenz wesentlich geringer, trotzdem wird auch diese von verhältnismäßig vielen Abgeordneten genutzt.
Facebook ist und bleibt aber die dominante Plattform - auch bei den Spitzenkandidaten der fünf stärksten Parteien. Winfried Kretschmann (Grüne) verzichtet sogar komplett auf eine Twitter-Präsenz, bleibt in einer Gesamtkalkulation von Followern und Freunden trotzdem vor Nils Schmid (SPD), der sich mit 608 über die meisten Follower aller baden-württembergischen Spitzenkandidaten freuen kann.
Wenn man aber bedenkt, dass nur ein einziger weiterer auf Twitter vertreten ist, nämlich Stefan Mappus (CDU), hält sich diese Freude schließlich doch in Grenzen. Letzterer hat zum Stand der Messung mit 3.349 Fans auf Facebook und 488 Followern auf Twitter - verglichen mit anderen Spitzenkandidaten - sogar insgesamt die meisten Befürworter auf diesen beiden Plattformen.
Weit abgeschlagen hingegen sind die beiden Spitzenkandidaten der Linken. Roland Hamm mit 67 und Marta Aparicio mit 105 Fans auf Facebook können sich auf dieser Plattform so wie auch bei der Wahl über keinen Durchbruch freuen. Ulrich Goll bleibt als weiterer FDP-Spitzenkandidat ohne Social Media-Profile und somit das Schlusslicht dieser Auswertung.
Fazit
Einige Unterschiede machen sich in Hinblick auf die Facebook- und Twitter-Präsenz der im März neu gewählten Abgeordneten von Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg bemerkbar. In Sachsen-Anhalt ist nur knapp die Hälfte der neuen MdLs auf einer der beiden Plattformen - ein Wert, der für manche ein positiver sein mag. Betrachtet man dahingehend jedoch die beiden anderen behandelten Bundesländer, schneidet der Magdeburger Landtag im Ranking schlecht ab.
Im Vergleich dazu präsentieren sich Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg bei unseren Auswertungen überaus gut. Die rheinland-pfälzischen Abgeordneten setzen zwar nicht so stark auf Facebook und Twitter, dafür aber auf eine lokal sehr beliebte Plattform - Wer kennt wen. Insgesamt sind nur 13 Prozent überhaupt nicht in Sozialen Netzwerken zu finden. Auch in Baden-Württemberg verzichtet dieser Prozentsatz an Abgeordneten komplett auf Social Media. Dafür sind hier 86 Prozent auf entweder Twitter oder Facebook oder sogar beiden Plattformen vertreten. Das ist eine Zahl, die mehr als erfreulich ist, zumal sie in unserem Vergleich extrem heraussticht.
Natürlich kann und darf von diesen Werten nicht auf die Qualität der Nutzung der Profile geschlossen werden. Präsenz ist noch lange nicht mit Aktivität gleichzusetzen. Trotzdem ist es bedeutend anzumerken, dass allein schon die Anwesenheit eines Politikers auf einer Social Media-Plattform wichtig ist - sei es als Basis für konstruktive Aktivität oder als Anlaufstelle für Befürworter, die einfach zeigen wollen, dass sie den/die PolitikerIn unterstützen.
Deshalb sehen wir vor allem die Zahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz als äußerst positiv für die Entwicklung der Social Media-Einbindung in die politische Kommunikation an. Vielleicht kommen die Sozialen Netzwerke ja schon bald auch bei den Politikern an, die sich davor sträuben. Wir werden sehen...
Anna Seidel
Anna Seidel ist seit 2011 bei compuccino als Social Media- und Onlineredakteurin aktiv. Auf wahl.de analysiert sie bereits genauso lange Trends, Statistiken und Kampagnen politischer Akteure im Internet.




